Noch befindet sich die Softing-Aktie im sprichwörtlichen Tal der Tränen. Und auch die Umsatz- und Ergebnisentwicklung im ersten Halbjahr 2026 löst noch keine Euphorie aus. Dennoch gibt es im aktuellen Halbjahresbericht auch positive Punkte, die für ein mögliches Comeback der Aktie sprechen. So hat sich der Auftragseingang weiter auf 36,3 Mio. Euro erhöht – und diese positive Tendenz hat sich auch im Juli fortgesetzt, wie Softing-CEO Wolfgang Trier im Interview mit boersengefluester.de verrät. Eine starke Entwicklung zeigt auch die US-Tochter Softing Inc., die im laufenden Jahr voraussichtlich um rund 20 Prozent wachsen wird. Und auch die Aktivitäten des Schweizer Investors Rudolf Noser, der seinen Anteil an Softing durch die Zeichnung der jüngsten Kapitalerhöhung auf über 27 Prozent ausgebaut hat, geben Übernahmespekulationen neue Nahrung.
Beim aktuellen Börsenwert von nur noch gut 26 Mio. Euro, dem ein Eigenkapital von fast 50 Mio. Euro gegenübersteht, ist eine positive operative Entwicklung in den nächsten Quartalen nicht eingepreist. Sollte sich die jüngste Aufwärtstendenz im Auftragseingang fortsetzen, könnte auch die Softing-Aktie vor einem Comeback stehen, zumal die Gesellschaft mit einer Eigenkapitalquote von 53,8 Prozent solide aufgestellt ist. Im Interview mit verrät CEO Dr. Wolfgang Trier, warum er nach einem schwachen Jahresstart optimistisch auf die zweite Jahreshälfte blickt, was es mit dem neuen 15-Millionen-Euro-Projekt auf sich hat, wie man die Abhängigkeit vom Pkw-Geschäft weiter verringern möchte und wo Softing attraktive Margen erwartet.
Herr Trier, als wir uns im August 2025 zum Interview getroffen haben, berichteten Sie über einen verhaltenen Jahresstart und einen stärkeren Auftragseingang, hatten zugleich aber die operative Ergebnisprognose für das Gesamtjahr leicht nach unten korrigiert. Das Geschäftsjahr 2026 scheint nun fast deckungsgleich zu verlaufen, oder täuscht dieser Eindruck?
Dr. Wolfgang Trier: Dieser Eindruck täuscht. Deckungsgleich ist, dass auch im ersten Halbjahr 2025 die Umsatzentwicklung unter Plan lag. Die heutige Situation unterscheidet sich jedoch in wesentlichen Punkten von der damaligen. So können wir bei unserer umsatzstarken US-Tochter Softing Inc. bereits eine Erlössteigerung von rund 20 Prozent gegenüber dem Vorjahr bestätigen. Gleichzeitig haben wir mit neuen Softwareprodukten im europäischen Markt eine neue Dynamik angestoßen. Zwar befanden sich im ersten Halbjahr 2026 noch zahlreiche Kundenaufträge in Verhandlung und waren damit noch nicht umsatzwirksam. Inzwischen erhalten wir jedoch Monat für Monat neue Aufträge in erfreulicher Größenordnung. Die für das weitere Geschäft tragenden Strukturen sind daher heute deutlich stärker als in der vergleichbaren Situation des vergangenen Jahres.
Was sind aus Ihrer Sicht die wesentlichen Gründe für den erneut verhaltenen Jahresauftakt?
Dr. Wolfgang Trier: In der Industrieautomation hatten wir in den ersten Monaten 2026 einen zähen Start mit schwacher Nachfrage. Die zugrunde liegende Kausalität im Markt war nicht eindeutig bestimmbar. Sicherlich fehlte aber auch ein entsprechendes Auftragspolster aus den Vormonaten. Seit April zieht die Nachfrage jedoch stetig an; der Juli als letzter abgeschlossener Monat verlief sogar ausgezeichnet. Trotz des schleppenden Starts haben wir im ersten Halbjahr – justiert um das im vergangenen Jahr ausgeschiedene Distributionsgeschäft der Softing Italia Industrial – ein Wachstum von gut 15 Prozent erreicht. Maßgeblich dazu beigetragen hat unser US-Geschäft.
Das Segment Automotive hat sich weitgehend planmäßig entwickelt, wobei der Vorjahresvergleich durch eine Umsatzspitze im ersten Halbjahr 2025 verzerrt ist, die aus unserem Großprojekt für einen bayerischen Automobilhersteller resultierte. Lediglich bei unserer kleinsten Einheit, der IT Networks, lassen sich die schwächeren Zahlen eindeutig auf Witterungseffekte im ersten Quartal zurückführen. In dieser Zeit waren die meisten Baustellen geschlossen, entsprechend waren auch unsere Distributionspartner im Elektrogroßhandel in sämtlichen Produktsparten mit denselben Auswirkungen konfrontiert.
Hoffnung für das zweite Halbjahr macht die angesprochene positive Dynamik im Auftragseingang. Wie viel Rückenwind geben diese neuen Orders für den weiteren Jahresverlauf?
Dr. Wolfgang Trier: Erfreulicherweise hält die Dynamik auch im dritten Quartal an. Wir konnten bereits einen sehr starken Juli verbuchen und verfügen zugleich über einen guten Auftragsbestand sowie weiteren erfreulichen Auftragseingang. Ja, das motiviert und gibt uns Rückenwind. Aufgrund der üblichen Saisonalität steigen die Planzahlen nach dem Sommermonat August zum Jahresende stetig an.
Dennoch haben Sie die Gesamtjahresprognose für das operative EBIT leicht nach unten angepasst, bei einer Bestätigung der Umsatzprognose. Was waren die Hauptgründe für die vorsichtige Einschätzung auf der Ergebnisseite?
Dr. Wolfgang Trier: Zunächst einmal gibt uns die positive Marktdynamik Rückenwind für die kommenden Monate. Zudem stehen uns auch wieder deutlich mehr Ressourcen für unsere operative Arbeit zur Verfügung. Im Mai und im Juni hatten wir noch Herausforderungen bei der Einführung unseres neuen ERP-Systems zu bewältigen. Mit der inzwischen weitgehend abgeschlossenen Einführung des neuen Systems können sich zahlreiche Mitarbeiter, die seit Herbst 2025 über viele Monate im ERP-Projekt gebunden waren, wieder auf ihre eigentlichen Kernaufgaben konzentrieren. Nach einer aktualisierten Bewertung der Chancen und Risiken sehen wir uns umsatzseitig weiterhin innerhalb der Bandbreite der ursprünglichen Guidance. Die moderate Korrektur beim operativen Ergebnis hängt im Wesentlichen mit den Belastungen bei IT Networks im ersten Quartal zusammen, die im zweiten Halbjahr vermutlich nur teilweise aufgeholt werden können.
Kommen wir noch einmal auf das Segment Automotive zu sprechen. Was unternehmen Sie, um die Abhängigkeit von einzelnen Automobilkunden weiter zu verringern? Und welche Ergebnistreiber sehen Sie hier in den nächsten Quartalen?
Dr. Wolfgang Trier: Wir sind bereits seit Jahrzehnten bei unseren Kunden in der Automobilindustrie gut verankert und bleiben dies auch. Die Kernkompetenz von Softing Automotive Electronics liegt in der Kommunikation und der Diagnose von elektronischen Steuergeräten. Ob diese Steuergeräte in einem Fahrzeug auf vier Rädern, einer Forstmaschine auf Ketten, einem Container oder einer Säge beziehungsweise einem Gartengerät verbaut sind, ist in Bezug auf unsere Leistungen unerheblich. Bereits im vergangenen Jahr haben wir systematisch Branchen und potenzielle Kunden außerhalb des klassischen Automobilbaus identifiziert, die nicht der gleichen Konjunktur unterliegen. Im ersten Halbjahr haben wir mit etwa einem halben Dutzend Projekten begonnen, auf die dies zutrifft.
Typischerweise entfallen vom Umsatz mit diesen Kundenbeziehungen mehr als 50 Prozent auf Software-Werkzeuge. Daraus erwarten wir ab dem zweiten Halbjahr und in den Folgejahren zunehmend attraktive Margenbeiträge. Damit schaffen wir nicht nur eine breitere Kundenbasis, sondern erschließen zugleich ein Geschäft mit strukturell höherem Softwareanteil und entsprechend guten Ergebnisperspektiven.
Sie berichten im Halbjahresbericht von einem neuen Großprojekt mit einem Gesamtvolumen von bis zu 15 Millionen Euro in den kommenden Jahren. Können Sie uns hierzu etwas mehr verraten?
Dr. Wolfgang Trier: Im Zuge unserer Diversifikationsstrategie konnten wir bei einem international führenden Hersteller aus der Forstwirtschaft und dem Gartenbau bereits in mehreren Vorprojekten unsere Kompetenz unter Beweis stellen. Seit Anfang August arbeiten wir nun an einem mehrjährigen Projekt, in dessen Zuge mehr als 70.000 Servicezentren weltweit mit Soft- und Hardware zur Diagnose und Reparatur der mit Verbrenner- oder Elektromotoren ausgerüsteten Produktpalette ausgestattet werden. Die Hauptphase des Projekts wird sich über vier bis fünf Jahre erstrecken. Einschließlich der vollständigen Entwicklungsleistungen sowie der anschließenden Lieferungen von Elektronik, Kabeln und weiteren Komponenten erwarten wir über die gesamte Laufzeit ein Projektvolumen von rund 15 Millionen Euro.
Im zweiten Quartal haben Sie im Rahmen eines Asset-Deals das Engineering- und Testgeschäft der WEIDITEC GmbH in Ingolstadt übernommen. Was versprechen Sie sich von diesem Deal? Ist das eher ein Know-how-Transfer oder haben Sie sich damit Kundenzugänge „gekauft“?
Dr. Wolfgang Trier: Unsere Präsenz im Raum Ingolstadt entsprach in den vergangenen Jahren nicht mehr dem Anspruch, den wir an uns selbst stellen. Als das Engineering- und Testgeschäft eines Servicepartners eines dort ansässigen Konzerns und seiner Tochtergesellschaften zum Verkauf stand und uns die Kunden selbst zu einem Engagement ermunterten, haben wir die Chance ergriffen. Die Kunden haben nachhaltigen Bedarf und verfügen trotz aller Krisen über ein umfassendes Budget. Die Arbeiten sind seit Juni gut angelaufen. Wir haben bereits neue Mitarbeiter eingestellt und planen, das Team weiter aufzustocken.
Auch das Segment Industrial hat in den ersten Monaten 2026 an das schwache Geschäftsjahr 2025 angeknüpft. Neben weiteren Optimierungsmaßnahmen haben Sie auch einen neuen Geschäftsführer installiert. Gibt es hier bereits erste Erfolge zu vermelden?
Dr. Wolfgang Trier: Mit Johann Gschwendtner konnten wir für die Softing Industrial Automation GmbH einen erfahrenen Manager gewinnen, der sich schnell einen Überblick über die Situation verschafft hat. Einer seiner ersten Maßnahmen war die Verstärkung des Vertriebsteams. Dafür haben wir neue Kollegen in die deutschen und internationalen Vertriebsstrukturen aufgenommen. Gemeinsam mit unserem Vertriebsleiter hat er zudem einen klaren Schwerpunkt auf den Vertrieb von Software-Lösungen mit drei- bis fünfjähriger Kundenbindung gelegt. Die Nachfrage und das Geschäft mit dieser Produktgruppe entwickeln sich gut und kontinuierlich. Damit erschließen wir nicht nur neue Kundengruppen, sondern reduzieren zugleich die Volatilität unseres Geschäfts und erhöhen den Anteil margenstarker, planbarer Erlöse.
Die positive Entwicklung der US-Tochter Softing Inc. haben Sie bereits erwähnt. Wie beurteilen Sie die aktuelle Entwicklung des US-Marktes und welches Wachstumspotenzial sehen Sie dort für Softing in den kommenden Jahren?
Dr. Wolfgang Trier: Nachdem im vergangenen Jahr auch im US-Markt führende Hersteller mit Massenentlassungen in mehreren Wellen eine Krise durchlebt haben, erholt sich die Branche inzwischen deutlich. Softing Inc. profitiert davon spürbar und wird im laufenden Jahr den Umsatz voraussichtlich um rund 20 Prozent steigern. Darüber hinaus konnten wir einen führenden Hersteller von Steuerungssystemen erneut von unserer Kompetenz überzeugen. Für ein neues Steuerungssystem, das in den kommenden 10 bis 15 Jahren eine zentrale Bedeutung für diesen Hersteller haben wird, wurde uns eine Lizenz zum Vertrieb von Einsteckmodulen unter unserem Namen erteilt. Wir gehen davon aus, dass dieser Produktfamilie weitere Module folgen werden und daraus nach einer Einführungsphase von zwei bis drei Jahren ein margenstarker zusätzlicher jährlicher Umsatz von bis zu 10 Millionen Dollar resultieren wird.
Quelle: boersengefluester.de und Firmenangaben; Zahlen für 2026 geschätzt
Die wichtigsten Finanzdaten auf einen Blick
2020
2021
2022
2023
2024
2025
2026
Umsatzerlöse1
77,60
84,69
98,31
112,60
95,06
84,89
81,00
EBITDA1,2
7,76
9,07
9,73
13,92
9,49
3,96
9,25
EBITDA-Marge %3
10,00
10,71
9,90
12,36
9,98
4,67
11,42
EBIT1,4
-3,93
-0,48
0,76
-2,72
0,50
-5,54
-0,25
EBIT-Marge %5
-5,06
-0,57
0,77
-2,42
0,53
-6,53
-0,31
Jahresüberschuss1
-4,58
-0,07
-1,18
-5,71
-1,57
-5,37
-1,15
Netto-Marge %6
-5,90
-0,08
-1,20
-5,07
-1,65
-6,32
-1,42
Cashflow1,7
4,91
11,05
3,82
9,10
7,02
5,23
7,80
Ergebnis je Aktie8
-0,50
0,01
-0,13
-0,63
-0,17
-0,54
-0,12
Dividende je Aktie8
0,04
0,10
0,10
0,13
0,00
0,00
0,00
Herr Trier, auffallend ruhig ist es um Ihre Beteiligung GlobalmatiX geworden. Was muss passieren, dass diese Gesellschaft den erwarteten Durchbruch doch noch schafft?
Dr. Wolfgang Trier: Das System der GlobalmatiX zur technischen und logistischen Steuerung von Großflotten hat sich bewährt. Unser Hauptkunde, der eine Flotte von etwa 11.000 Mietfahrzeugen betreibt, hat uns kürzlich gesagt, dass sein Vermietgeschäft ohne die Systeme von GlobalmatiX nicht zu betreiben wäre. Was derzeit noch fehlt, ist weiteres Volumen durch neue Kunden und Anwendungen. GlobalmatiX hat im ersten Halbjahr unser Ergebnis noch leicht belastet, steht aber schon kurz vor dem Erreichen der Profitabilitätsgrenze. Aktuell laufen Versuche mit zwei vielversprechenden Kunden, die sowohl über den Betrieb von Großflotten als auch über den Erwerb von Lizenzen GlobalmatiX einen wesentlichen Schub bringen können.
Im März 2026 hat Softing eine zehnprozentige Kapitalerhöhung mit einem Bruttoerlös von 3,2 Millionen Euro platziert. Wie haben Sie die frischen Mittel investiert?
Dr. Wolfgang Trier: Die Mittel aus der Kapitalerhöhung haben wir vor allem in den Ausbau unseres Vertriebsteams sowie den Ausbau der Entwicklungsmannschaft bei Softing Inc. investiert. Die Zuteilung von drei Lizenzen für eine zentrale Steuerung unseres amerikanischen Großkunden im Juli ist ein erster Erfolg dieses Teams.
Die neuen Aktien der jüngsten Kapitalmaßnahme wurden ausschließlich von der Noser Management AG gezeichnet. Welchen Anteil hält der Schweizer Investor Rudolf Noser inzwischen an Softing und wie läuft die Zusammenarbeit mit Ihrem Großaktionär?
Dr. Wolfgang Trier: Noser Management und Rudolf Noser haben zuletzt einen Anteil von rund 27 Prozent am Stammkapital der Softing AG gemeldet. Auf der letzten Hauptversammlung stimmten die Aktionäre mit großer Mehrheit für die Erweiterung des Aufsichtsrates um ein viertes Mitglied. Herbert Ender, der als CEO der Noser Management umfassende Erfahrungen mit Prozessen und weiten Teilen der von Softing betreuten Industrie einbringt, hat diese Funktion übernommen. Die Zusammenarbeit mit unserem Großaktionär ist bislang in jeder Hinsicht professionell, konstruktiv und zielorientiert.
Der Softing-Aktienkurs befindet sich noch im sprichwörtlichen „Tal der Tränen“. Warum wäre jetzt der falsche Zeitpunkt, Softing-Aktien zu verkaufen? Und welche Punkte sprechen aus Ihrer Sicht dafür, dass wir uns in zwölf Monaten nicht wieder über einen schwachen Jahresauftakt ins Geschäftsjahr 2027 unterhalten müssen?
Dr. Wolfgang Trier: Wir werden in unserem Geschäft immer eine gewisse Zyklizität haben. Entscheidend ist daher letztlich das Ergebnis im Gesamtjahr. Gleichzeitig gehen wir davon aus, die Volatilität durch die eingeleiteten Maßnahmen deutlich zu reduzieren. Im Segment Industrial bauen wir durch die in diesem Jahr eingeführte mehrjährige Lizenzierung einen Basisumsatz auf, der im neuen Kalenderjahr ab dem ersten Tag planbar vorliegt. Das US-Geschäft wird von der Kombination aus starken Bestandsprodukten und den ab 2027 schrittweise wachsenden Umsätzen mit Neuprodukten profitieren. Auch Automotive ist gut aufgestellt: Zum einen verfügen wir über ein solides Bestandsgeschäft mit den klassischen Herstellern, zum anderen reduzieren wir die Abhängigkeit vom Pkw-Geschäft durch eine wachsende Zahl von Kunden aus anderen Branchen. Hinzu kommen langlaufende Großprojekte, die für zusätzliche Planbarkeit sorgen. Was bleibt, ist die Sanierung des Geschäfts von IT Networks. Dieser Aufgabe stellen wir uns im laufenden Jahr mit Nachdruck.
Herr Dr. Trier, besten Dank für das Interview.
INVESTOR-INFORMATIONEN
©boersengefluester.de
Softing
WKN
ISIN
Rechtsform
Börsenwert
IPO
Einschätzung
Hauptsitz
517800
DE0005178008
AG
26,86 Mio. €
16.05.2000
Halten
Foto: Softing AG


