Das ist schon eine verrückte Geschichte. Über Jahre ist die Aktie von H&R für viele Investoren alles andere als eine knackige Börsenstory. Die Umsatzerlöse von regelmäßig deutlich mehr als 1,2 Mrd. Euro sind für Smallcap-Verhältnisse zwar eine ziemliche Hausnummer. Doch am Ende sind die operativen Margen des Spezialraffinerie-Unternehmens entweder sehr überschaubar oder aber das Unternehmen schrieb teilweise sogar rote Zahlen. Eine Dividende für 20256 gab es nicht. In dieser Gemengelage hatte H&R seine Investor-Relations-Aktivitäten schon vor geraumer Zeit heruntergefahren. Und als der Ankerinvestor Nils Hansen im Sommer 2025 ein Erwerbsangebot zu 5 Euro je Aktie platzierte, war manch Anleger vermutlich froh, einen unerhofft erfreulichen Schlussstrich unter das Engagement in H&R ziehen zu können.
Immerhin notierte der Titel damals deutlich unter dieser Marke. Zudem brachte Hansen ganz unverblümt Drohkulissen wie ein Delisting oder gar einen Squeeze-out ins Spiel. Nun: Superviele Stücke – konkret waren es 7,92 Prozent der H&R-Aktien – bekam die Familie Hansen trotzdem nicht angedient. Unmittelbar nach der Offerte türmte sich sein Anteil damit auf 77,54 Prozent. Vor dem möglichen Delisting haben die Hamburger freilich erstmals einen Zwischenschritt eingebaut – nämlich ein Downlisting vom streng regulierten Handelssegment Prime Standard in den Frankfurter Spezialfreiverkehr Scale. Wie viele andere Unternehmen hat H&R dabei die neuen erleichterten Möglichkeiten des Standortfördergesetzes (StoFöG) genutzt. Gleichwohl hat Hansen weiter fleißig Stücke gekauft und weist mittlerweile einen Anteil für die Familie von 78,16 Prozent aus.
Quelle: boersengefluester.de und Firmenangaben; Zahlen für 2026 geschätzt
Die wichtigsten Finanzdaten auf einen Blick
2020
2021
2022
2023
2024
2025
2026
Umsatzerlöse1
873,03
1.188,43
1.576,04
1.352,26
1.338,24
1.242,19
1.430,00
EBITDA1,2
55,72
132,66
124,90
92,66
94,80
83,82
137,00
EBITDA-Marge %3
6,38
11,16
7,93
6,85
7,08
6,75
9,58
EBIT1,4
-0,35
81,72
70,23
30,68
32,19
-14,44
86,00
EBIT-Marge %5
-0,04
6,88
4,46
2,27
2,41
-1,16
6,01
Jahresüberschuss1
-7,83
52,53
45,36
10,56
12,88
-36,72
57,00
Netto-Marge %6
-0,90
4,42
2,88
0,78
0,96
-2,96
3,59
Cashflow1,7
60,15
37,42
37,98
119,07
70,24
92,14
103,00
Ergebnis je Aktie8
-0,24
1,35
1,15
0,28
0,29
-1,04
1,34
Dividende je Aktie8
0,00
0,00
0,10
0,10
0,10
0,00
0,00
Der eigentliche Clou ist jedoch, dass sich die operativen Geschäfte für H&R mit Beginn des Iran-Kriegs unverhofft deutlich verbessert haben. Hintergrund: H&R produziert in seinen Raffinerien unter anderem Grundöle, Paraffine oder auch Weißöle, die in vielen Branchen dringend benötigt werden. Und genau bei diesen Produkten hat der Krieg einen Verknappungseffekt ausgelöst. Das ist für H&R insofern interessant, weil die Kunden die Produkte nicht beliebig substituieren können. Die entscheidende Größe ist dabei nicht der absolute Rohstoffpreis, sondern der Abstand zwischen Einstandskosten und erzielbarem Verkaufspreis – also die Marge bzw. der Spread. Und genau dieser Spread hat sich bei bestimmten H&R-Produkten massiv ausgeweitet.
Selbst wenn es sich um ein temporäres Phänomen handelt, am Kapitalmarkt wird dieser Gewinnturbo für H&R sehr wohl registriert und auch honoriert. Bereits Ende Juni 2026 hatte das Management dabei kommuniziert, dass die ursprünglichen Jahresziele für das EBITDA (Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen) von 85 bis 100 Mio. Euro wohl schon zur Jahresmitte erreicht beziehungsweise überschritten werden. Tatsächlich zeigte H&R im Halbjahresbericht dann ein EBITDA von 84,4 Mio. Euro und setzte die Guidance für das Gesamtjahr auf eine Bandbreite von 120 bis 145 Mio. Euro herauf. Das nächste Update in Form des Q3-Berichts steht am 13. November 2026 an.
Angesichts der aktuellen globalen Entwicklungen sollte H&R aber auch im dritten Quartal auskömmlich verdient haben und die Prognosen zumindest bestätigen. All das korrespondiert beim derzeitigen Aktienkurs von 7,26 Euro mit einem Börsenwert von gut 270 Mio. Euro. Unter Berücksichtigung der Netto-Finanzverbindlichkeiten beträgt der Unternehmenswert (Enterprise Value) knapp 422 Mio. Euro. Wahrlich nicht viel – angesichts der aktuellen Ertragskraft. Zudem liegt der Buchwert je Aktie mit 11,43 Euro zum Halbjahr 2026 ebenfalls signifikant über dem aktuellen Kurs.
Bleibt als große Unbekannte die künftige Börsenstrategie des Großaktionärs. Eine mögliche Delisting-Offerte ist im Scale-Segment nicht vorgesehen. Das wäre für die meisten Privatanleger aber auch nicht entscheidend, zumal der Titel im Hamburger Freiverkehr weitergehandelt wird. Einschneidender wird es, sollte es perspektivisch möglicherweise Richtung Squeeze-out gehen. Bis dahin fehlen der Familie Hansen aber noch einige Prozentpunkte an Aktien.
INVESTOR-INFORMATIONEN
©boersengefluester.de
H&R
WKN
ISIN
Rechtsform
Börsenwert
IPO
Einschätzung
Hauptsitz
A2E4T7
DE000A2E4T77
GmbH & Co. KGaA
270,21 Mio. €
21.12.1953
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Foto: Magnific

