Es gibt Börsendebüts, die vor allem wegen ihres Emissionsvolumens Schlagzeilen machen. Und es gibt Börsenneulinge, die wegen ihres Geschäftsmodells einen genaueren Blick verdienen. Zur zweiten Kategorie zählt die Aqarios Quantum Technologies AG. Denn erstmals können Anleger am deutschen Kapitalmarkt gezielt auf das Zukunftsthema Quantensoftware setzen – auch wenn die Gesellschaft mit einer Börsenbewertung von lediglich 18,25 Mio. Euro zu den kleinsten börsennotierten Technologieunternehmen Deutschlands zählt. Selbst kleinere operative Erfolge könnten die Marktkapitalisierung damit vergleichsweise stark beeinflussen. Umgekehrt gilt das allerdings auch für Enttäuschungen.
An der Börse wird Zukunft gehandelt. Und vermutlich nur wenige deutsche Neuemissionen verkörpern diesen Satz derzeit so sehr wie Aqarios. Denn die Investmentstory basiert weniger auf den bislang erzielten Umsätzen als auf der Erwartung, dass Quantencomputing in den kommenden Jahren den Sprung aus den Forschungslaboren in den industriellen Alltag schafft. Der Weg aufs Parkett verlief dabei eher ungewöhnlich. Statt eines klassischen IPO nutzte die bisherige Aqarios GmbH das Börsenvehikel Fonterelli SPAC 4 AG. Mit der Eintragung der Sacheinlage ins Handelsregister firmiert die Gesellschaft nun als Aqarios Quantum Technologies AG. Die Aktien werden gegenwärtig im Freiverkehr der Börse Düsseldorf gehandelt. Ein Uplisting in ein geregeltes Marktsegment dürfte zunächst eher nicht im Fokus stehen. Erst einmal gilt es, sich am Kapitalmarkt zu etablieren.
Dass Aqarios den Weg über ein Fonterelli-SPAC gewählt hat, ist dabei ein mittlerweile erprobtes Verfahren. Fonterelli-Vorstand Andreas Beyer hat dieses Modell bereits mehrfach umgesetzt. Aus dem Fonterelli SPAC 2 entstand die heutige Viromed Medical. Später folgte mit dem Fonterelli SPAC 3 die Münchner Beteiligungsgesellschaft Maffei & Co. Für junge Wachstumsunternehmen hat sich dieses Modell damit zumindest als praktikable Alternative zum klassischen Börsengang etabliert. Der entscheidende Unterschied zu vielen bekannten Quantum-Aktien: Aqarios entwickelt keine Quantencomputer, sondern Software. Das 2021 aus der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München hervorgegangene Unternehmen konzentriert sich darauf, komplexe Optimierungsprobleme für Industrieunternehmen zu lösen – etwa in den Bereichen Logistik, Energie, Produktion oder Finanzmärkte. Zum Einsatz kommen klassische Rechenverfahren ebenso wie Quantenalgorithmen.
Kern der Investmentstory ist die Plattform Luna. Dahinter verbirgt sich eine Entwicklungsumgebung, die unterschiedliche Quantencomputer ansprechen kann und klassische mit quantenbasierten Verfahren kombiniert. Für Kunden bedeutet das vor allem eins: Sie müssen sich heute nicht auf eine bestimmte Hardwarearchitektur festlegen. Ob sich künftig supraleitende Systeme, Ionenfallen oder andere Technologien durchsetzen, bleibt für den Anwender zunächst zweitrangig. Gerade dieser hardwareunabhängige Ansatz könnte sich langfristig als entscheidender Wettbewerbsvorteil erweisen. Denn noch ist offen, welche Quantenhardware sich am Ende durchsetzen wird.
15 Mitarbeiter, Kooperationen mit BASF, E.ON, MTU Aero Engines oder auch SAP sowie eine eigene Softwareplattform – gemessen an der kurzen Unternehmenshistorie liest sich das durchaus beachtlich. Natürlich ersetzen solche Referenzen noch kein tragfähiges Geschäftsmodell. Sie zeigen aber, dass Aqarios die Phase reiner Grundlagenforschung bereits hinter sich gelassen hat und sogar mit DAX-Unternehmen an konkreten Anwendungen arbeitet. Interessant ist auch die Zusammenarbeit mit dem Fintech Divizend. Gemeinsam entwickeln beide Unternehmen eine Lösung zur Portfoliooptimierung auf Basis der Plattform Luna. Sollte daraus ein marktfähiges Produkt mit wiederkehrenden Erlösen entstehen, wäre dies ein weiterer Schritt auf dem Weg zu einem skalierbaren Softwaregeschäft.
Operativ steht Aqarios allerdings noch am Anfang. Die Erlöse bewegten sich in den vergangenen drei Geschäftsjahren zwischen rund 1,16 und 1,37 Mio. Euro. Ein Teil davon stammt aus öffentlich geförderten Forschungsprojekten – in der internationalen Quantum-Szene durchaus üblich. Gleichzeitig investiert das Unternehmen kräftig in die Weiterentwicklung der Plattform Luna. Entsprechend wechselten sich kleinere Gewinne und Verluste bislang ab. Für die Bewertung der Aktie sind die historischen Finanzkennzahlen derzeit nur bedingt aussagekräftig. Entscheidend wird vielmehr sein, ob sich aus den bisherigen Entwicklungsprojekten ein skalierbares Softwaregeschäft mit wiederkehrenden Erlösen entwickelt. „Quantencomputing wird in den kommenden Jahren über industrielle Wettbewerbsfähigkeit mitentscheiden – und wir wollen, dass diese Wertschöpfung in Deutschland und Europa stattfindet“, sagt Aqarios-Vorstand Michael Lachner.
Perspektivisch dürfte sich gleichwohl die Frage stellen, ob Aqarios den Börsenzugang auch für die Aufnahme frischen Eigenkapitals nutzt. Konkrete Pläne für eine Kapitalerhöhung gibt es dem Vernehmen nach derzeit nicht. Immerhin hat das Unternehmen Anfang Juli eine Pflichtwandelanleihe über umgerechnet rund 200.000 Dollar platziert und erscheint zunächst finanziert. Gleichwohl gehören weitere Kapitalrunden bei jungen Technologieunternehmen zum üblichen Entwicklungspfad.
Noch am Anfang steht auch die Kapitalmarktkommunikation. Auf der Investor-Relations-Seite von Aqarios gibt es bislang nur wenige belastbare Finanzinformationen. Die Abschlüsse für 2025 und das Rumpfgeschäftsjahr 2024 beziehen sich auf den Fonterelli SPAC 4 und bieten daher kaum Erkenntnisgewinn für Aqarios-Aktionäre. Umso wichtiger wird es sein, den Kapitalmarkt regelmäßig über neue Kundenprojekte, Kooperationen, Förderzusagen und technologische Meilensteine zu informieren. Bemerkenswert ist die Börsenpremiere derweil auch aus Sicht des deutschen Kapitalmarkts. Während Anleger an der Nasdaq längst zwischen mehreren börsennotierten Quantencomputing-Unternehmen wählen können, gab es hierzulande bislang praktisch kein vergleichbares Investment.
Aqarios besetzt damit eine Nische – wenn auch zunächst im Microcap-Terrain. Für risikobereite Nebenwerte-Investoren könnte genau das den Reiz ausmachen. Entscheidend wird nun sein, wie schnell es dem Unternehmen gelingt, den Kapitalmarkt mit neuen Kundenprojekten, technologischen Fortschritten und einer zunehmenden Kommerzialisierung der Plattform Luna zu überzeugen. Angesichts der geringen Marktkapitalisierung und des überschaubaren Free Floats dürfte sich der Aktienkurs allerdings überdurchschnittlich volatil entwickeln. Geeignet ist der Titel damit nur für erfahrene Anleger.
INVESTOR-INFORMATIONEN
©boersengefluester.de
Aqarios Quantum Technologies
WKN
ISIN
Rechtsform
Börsenwert
IPO
Einschätzung
Hauptsitz
A40UU4
DE000A40UU44
AG
18,25 Mio. €
27.12.2024
Foto: Magnific


